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„Das Alter ist keine Ausrede“

Je älter man wird, umso schwerer fällt das Lernen, denken viele. Stimmt nicht, sagt Lernforscherin Elisabeth Stern.

Lernen wir im Alter schlechter als in jungen Jahren?

Elisabeth Stern: Das kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt bislang keine wissenschaftlichen Hinweise, dass die Hirnleistung mit dem Alter zwangsläufig abnehmen würde – ausser jemand ist von einer Krankheit wie etwa Alzheimer betroffen. Wenn ältere Personen das Gefühl haben, langsamer zu lernen als jüngere, muss das nicht am Gehirn liegen, sondern hat möglicherweise mit nachlassender Sehkraft und Hörfähigkeit zu tun – oder mit der Zeit.

Mit der Zeit?

Um erfolgreich lernen zu können, muss man sich auf das Lernen einlassen und sich die nötige Zeit nehmen. Selbst sehr intelligente Menschen brauchen Zeit, um etwas Anspruchsvolles zu lernen. Je mehr wir aber schon um die Ohren haben, desto schwieriger wird es, sich Zeitfenster fürs Lernen zu schaffen. Wenn ich neben meinem intensiven Job an der ETH noch eine Fremdsprache lernen wollte – keine Chance. Mit zunehmendem Alter fragt man sich zudem häufiger, ob es sich wirklich lohnt, dieses oder jenes zu lernen. Disziplin ist bei älteren Menschen nicht einfach gegeben. Während der Student weiss, dass von seinem Studium seine berufliche Zukunft abhängt, haben sich ältere Personen bereits etabiliert. Oder sind bezüglich ihrer beruflichen Zukunft desillustioniert.

Aber selbst wenn ich Zeit ins Lernen investiere, sind Jüngere oft schneller. Nicht?

Kinder tun sich tatsächlich oft leichter, lernen auch zwei Sprachen problemlos. Erwachsene dagegen kann ihr Vorwissen in die Quere kommen, beim Sprachenlernen die Muttersprache. Selbst Einstein hatte Mühe, Englisch zu lernen. Auch wennn das Vorwissen ab und zu dazwischenfunkt und das Lernen scheinbar erschwert: Faktisch ist es was Gutes. Wenn ich an Bestehendes anknüpfen kann, lerne ich schneller – unter Umständen schneller als Jüngere.

Welchen Einfluss hat das Alter auf die Konzentrationsfähigkeit?

Konzentrationsfähigkeit lässt sich nicht unabhängig von der Aufgabe messen. Kinder, die sich im Klassenzimmer leicht ablenken lassen, können sich stundenlang auf ein Computerspiel konzentrieren. Erfolgsergebnisse und Fortschritte helfen, die Konzentration hoch zu halten. Stellen Sie sich vor, Sie sässen im chinesischen Parlament und sprächen nicht Chinesisch. Sie könnten sich keine fünf Minuten auf etwas konzentrieren. Unabhängig vom Alter.

Ob 40, 60 oder 70: Ich kann also mit genügend Zeit und Willen Neues lernen?

Wenn man sich Zeit nimmt, es wirklich will, gut und diszipliniert plant, dann kann man so gut wie andere auch lernen. Das Alter ist keine Ausrede, wenn es ums Lernen geht. Ausser jemand will im Erwachsenenalter noch mit einem Sport beginnen und Spitzenniveau erreichen.

Elisabeth Stern, 55, ist Psychologieprofissorin an der ETH Zürich und Leiterin des Bereichs Lehr-Lern-Forschung

Gelesen für Sie im Beobachter: 15/2013

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